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Chronik - Teil 3

Musik Verein von Calcar - gegründet 1828

Für große Aufregung sorgte eine eher zufällige Entdeckung im Jahre 1974. Vereinswirt Josef Janhsen, damals auch Zeugwart des Vereins, stieß in der Chronik der St. Georgi Bruderschaft aus dem 19. Jahrhundert auf den Namen J.J. Aanderheyden, "Director des Musik Vereins von Calcar". Heinrich Boothe erinnerte daraufhin an die alten Musikinstrumente, die man bei der Wiedergründung 1927 in der Nicolai-Kirche vorgefunden hatte und an Franz Devers Worte "Dor was ene Musikverein ...“. 

Die Sensation war perfekt, als der damalige Museumsleiter Werner Kock auf eine Anfrage des Vorstandes hin im Stadtarchiv fündig wurde. Er entdeckte einen Brief mit Siegel (siehe oben), datiert auf den 7.7.1828. Darin meldete Oberzollkontrolleur Erbrecht die Gründung eines Vereins mit dem Namen "Musik Verein von Calcar" bei Bürgermeister Robbers an. Der vollständige Text der Urkunde lautet: 

Herrn Bürgermeister Robbers / Wohlgebohren / in Calcar / präs. 7. July 1828 / In  Befolgung  gesetzlicher  Bestimmung,  der  geehrten  Verwaltungsbehörde davon Anzeige zu machen, wenn Gesellschaften sich bilden; gewährt es mir ein besonderes Vergnügen, -Ew- Wohlgebohren hiermit pflichtschuldigst anzuzeigen: daß sich unter den Einwohnern hiesiger Stadt ein Verein, zur Ausübung der edlem Tonkunst, gebildet hat. Die verehrlichen Mitglieder des Vereins, der unter den Namen „Musik Verein von Calcar" sich gebildet hat, — haben mich als ersten Vorgesezten erwählt. In dieser Eigenschaft erlaube ich es mir denn, Ew. Wohlgebohren hiermit, wie gesagt, davon pflichtgemäße Anzeige zu machen, und füge zugleich die dem Vereine zur Richtschnur dienenden Statuten zur gefälligen Einsicht, mit Bitte um sodanniger Zurücksendung, ergebenst bey. Ich schmeichle mir mit der Hoffnung, daß Wohldieselben dahin mit mir einverstanden sein werden, daß der Zweck des Vereins nur der sein soll; das Gute, Schöne und Angenehme mit dem Nützlichen zu paaren. In diesen Betracht wage ich es,  Ew. Wohlgebohren  mit einer Bitte zu  behelligen. Es gebricht dem Vereine an einem Local, das zweckentsprechend ist; und nirgends erschien ein geeigneteres, als auf dem Rathause. Als ich den am 29. v. M. versammelten Mitgliedern diese Ansicht vortrug; auch, daß Wohldieselben in diesen Betracht sich mit Theilnahme beifällig geäußert hätten; - so erweckte dies eine allgemeine freudige Aufwallung, die ich Ew. Wohlgebohren hiermit mitzutheilen nicht ermangeln darf. Es ist nun Absicht, im Laufe dieses Jahrs noch, eine geeignete Zahl Concerte, oder Concert Musik aufzuführen. Dazu ist unumgänglich ein Local nöthig, wo man Proben halten, Musikalien, Instrumente, Utensilien, als Pulpete, Tische, Stühle, Bänke aufbewahren kann, wo die Statuten aushängen etc. etc. Deshalb bitte ich Ew. Wohlgebohren hiermit recht ergebenst, für dieses Institut ein Local auf dem Rathhause gütigst einzuräumen; und schlage ich dazu unmaaßgeblich vor; die beiden Zimmer auf den gn. Radthause, so sich, wenn man ein Stock hoch aufgestiegen ist, links belegen finden, — in eins verwandeln zu lassen. Alle übrigen Bedürfnisse sollen sodann vom Vereine bestritten werden. Ich kann, darf und mag gern die innige Versicherung beifügen; daß die Gewährung diese billigen und erfüllbaren Wunsches mit recht aufrichtigem Danke anerkannt wird und füge diesem noch die, meiner aufrichtigen Hochachtung mit Vergnügen bei. / ganz ergebenst / gez. Erbrecht / Calcar / am 4. July 1828

Funde weiterer Dokumente aus der Gründerzeit des Vereins schlossen sich an. In einem Briefwechsel vom Juli 1833 stehen die beengten Platzverhältnisse des Proberaums in der Schule im Vordergrund. Bürgermeister Robbers will vorübergehend einen Raum im Rathaus zur Verfügung stellen. Einen dieser Briefe schmückt ein Siegel mit dem Emblem des Vereins. Zu dieser Zeit bestand der Vorstand aus Johann Josef Aanderheyden (von Beruf Malermeister), Gerhard Aanstoot, Johann Franz Haan (Volksschullehrer und Organist) und Heinrich Jakob Kuypers (Kaufmann und 2. Abgeordneter der Bürgermeisterei Calcar).  Bürgermeister Gerhard Theodor Robbers wurde Ehrenmitglied. In der wiederentdeckten Familienchronik des Malermeisters Johann Aanderheyden wird von einer Dreifachhochzeit im Hause Aanderheyden am 10.1.1843 berichtet. Abends brachte der Musikverein den Jungvermählten ein Ständchen. Einen Hinweis auf den Musikverein enthält ferner ein Bericht des Kalkarer Bürgermeisters Backer an den Klever Landrat van Haeften vom 14.12.1852: „Außerdem finden in der Stadt Calcar, gewöhnlich im Winter, einige Concerte statt, nach welchen ... einige Stunden getanzt wird“.Weitere interessante Geschehnisse aus der Geschichte des Vereins birgt das Büchlein "Aus Calcars letzter Vergangenheit" von Fr. Kühnen. Im Winter 1846/47 richtete die Stadt eine öffentliche Essensausgabe ein zur Linderung der Hungersnot infolge einer Missernte. Der Musikverein trug anscheinend auch einen kleinen Teil dazu bei: "Aus abgehaltenen Konzerten kamen der Suppenanstalt 9 Thl. zugute".  Kalkars Bürgermeister Eduard Backer erhielt am 25.4.1853 den "Roten Adlerorden 4. Klasse".  Weiter schreibt Kühnen: "Abends wurde unter allgemeiner Beteiligung der Bürgerschaft ein Fackelzug veranstaltet, bei dem besonders der Calcarer Musik- und Gesangverein mitwirkte". Am 3.8.1860 wurde der Grundstein des Seydlitz-Denkmals gelegt. Der Chronist berichtet: "Beim Austritt des Zuges aus dem Rathaus beginnt die Musik das Lied ,Heil Dir im Siegerkranz'.  Anschließend erklang das ,Preußenlied'." Der letzte Hinweis auf den Musikverein in diesem Buch reicht zurück in das Jahr 1870: "Am 18. September fand in der Turnhalle ein Konzert zum Besten der im Kriege Verwundeten statt."

Auf diesem Bild (vergrößern) begleitet der Musikverein die Fronleichnamsprozession. Der Schellenbaum wird vorangetragen. Der Schalltrichter einer Basstuba ist erkennbar. Auf der Mitte des Marktplatzes steht das Seydlitz-Denkmal. Am Rathausturm hängt die von 1892 bis 1918 gültige Flagge des Staates Preußen. Das genaue Alter dieser Aufnahme ist unbekannt. Anhand der Bebauung lässt sich im Vergleich mit anderen Fotos abschätzen, dass das Bild etwa um 1910 entstanden sein könnte.

Es scheint daher sicher, dass der "Musik Verein von Calcar" bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hinein aktiv gewirkt hat. Auch die Aussage des im Jahre 1903 geborenen Kalkarer Bürgers Ernst Otten legt diesen Schluss nahe. Er berichtete gegenüber dem Musikverein, er könne sich erinnern, dass in seiner Kindheit etwa in den Jahren 1906 bis 1910 auf dem Hof seiner Eltern in Hanselaer an bestimmten Feiertagen regelmäßig eine Kapelle gespielt habe. Diese Entdeckungen führten dazu, dass sich der Musikverein heute auf das Gründungsjahr 1828 berufen kann. Er trägt seit dem 3.5.1975 auch wieder seinen alten Namen "Musik Verein von Calcar". Der alte Schellenbaum des Musikvereins wurde 1976 bei Aufräumungsarbeiten anlässlich der Renovierung auf dem Dachboden der St. Nicolai Kirche wiedergefunden. Seine Bauart, speziell der "türkische" Halbmond, lassen eindeutig auf eine Entstehungszeit vor 1902 schließen, da Schellenbäume nach dieser Zeit aufgrund einer Verfügung des Kaisers Wilhelm II. dieses Symbol nicht mehr tragen durften (Bild vergrößern). Der damalige Vorsitzende Heinz Wilmsen ließ das alte Instrument auf eigene Kosten restaurieren. Es wird heute bei besonderen Festlichkeiten dem Verein vorangetragen.

... weiter mit Teil 4